Brotkrumenpfad

22.11.2019

Skoliose: Ob die Videorasterstereographie das Röntgen ersetzen kann, bleibt offen

Auf Basis der vorliegenden Studien kann nicht bewertet werden, ob die strahlungsfreie Videorasterstereographie das Röntgen in der Verlaufskontrolle der idiopathischen Skoliose ersetzen kann. Weitere Studien sind notwendig.

Die idiopathische Skoliose ist eine sich während des Wachstums entwickelnde Wirbelsäulenverkrümmung. Dabei ist die Wirbelsäule in sich verdreht und vermehrt seitwärts gebogen. Ab einem bestimmten Krümmungswinkel wird sie behandelt. Als technische Hilfsmittel für die häufigen Untersuchungen des Rückens gibt es neben dem Röntgen auch eine strahlungsfreie Methode: die Videorasterstereographie. Im Auftrag des IQWiG haben Wissenschaftlerinnen der Universität Duisburg-Essen nun in einer Gesundheitstechnologiebewertung (Health Technology Assessment, HTA) untersucht, ob die Videorasterstereographie geeignet ist, das Röntgen in der Verlaufskontrolle zu ersetzen.

Der HTA-Bericht im Rahmen des IQWiG-Verfahrens „ThemenCheck Medizin“ kommt zu dem Ergebnis, dass sich auf Basis der vorliegenden Studien nicht bewerten lässt, ob die Videorasterstereographie ein gleichwertiger Ersatz für das Röntgen ist. Für Patientinnen und Patienten mit idiopathischer Skoliose wäre eine strahlungsfreie Untersuchung aber ein großer Vorteil. Deshalb sollten die offenen Fragen zum medizinischen Nutzen der Untersuchung durch geeignete Studien beantwortet werden.

1 bis 2 von 100 Kindern sind von der Wirbelsäulenverkrümmung betroffen

Von einer idiopathischen Skoliose sind 1 bis 2 von 100 Kindern und Jugendlichen betroffen, Mädchen häufiger als Jungen. Erwachsene sind je nach Lokalisation und Grad der Krümmung beispielsweise durch Rückenschmerzen oder eine reduzierte Lungenfunktion beeinträchtigt. Bereits im Kindes- und Jugendalter kann das besondere Körperbild psychosoziale Probleme bedingen. Zur Therapie gibt es verschiedene Möglichkeiten, die sich nach dem Grad der Verkrümmung und dem Stadium des Knochenwachstums richten. Sie reichen von einer Physiotherapie über ein Korsett bis hin zu einer Operation, bei der die Wirbelsäule mit Metallstäben oder Schrauben aufgerichtet und versteift wird. Insbesondere für Kinder und Jugendliche kann die zeitaufwändige Therapie und gegebenenfalls das Tragen eines Korsetts eine große psychische und soziale Belastung sein.

Da häufiges Röntgen Krebs verursachen kann, ist es wichtig, nach nebenwirkungsärmeren diagnostischen Alternativen in der Verlaufskontrolle zu suchen.

Messwerte der beiden Verfahren stimmen nicht gut überein

Die Wissenschaftlerinnen konnten keine Studie identifizieren, die in einem direkten Vergleich untersuchte, welches der beiden bildgebenden Verfahren – Röntgen oder Videorasterstereographie – zu einer zuverlässigeren Verlaufskontrolle und anschließend auch zu besseren Behandlungsergebnissen führt. Die Recherchen führten lediglich zu 4 Studien, die zeigen, dass die Messwerte zur Verkrümmung der Wirbelsäule zwischen Videorasterstereographie und Röntgen nicht gut übereinstimmen. Offen bleibt aber, ob die Abweichungen so groß sind, dass sie zu falschen Entscheidungen führen, also zum Beispiel eine Behandlung zu spät beginnt.

Es wurden auch keine Studien gefunden, in denen das Verhältnis der Kosten zum Nutzen untersucht wurde. Die Gesamtkosten für die Videorasterstereographie liegen bei rund 150 bis 200 €, von denen zwischen 105 bis 146 € von der Patientin oder dem Patienten selbst bezahlt werden müssen. Die Gesamtkosten des Röntgens in Höhe von knapp 70 € werden komplett von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Geeignete Studien notwendig, um offene Fragen zu beantworten

Auf Basis der vorliegenden Studien lässt sich nicht sagen, ob die Videorasterstereographie in der Verlaufskontrolle ein gleichwertiger Ersatz für Röntgenuntersuchungen ist. Für Patientinnen und Patienten mit idiopathischer Skoliose wäre es aber von Vorteil, wenn das Röntgen durch die strahlungsfreie Alternative ersetzt werden könnte. Deshalb sollten die offenen Fragen zum medizinischen Nutzen der Untersuchung durch geeignete Studien beantwortet werden.

Bürger fragen, Wissenschaftler antworten

Das Thema für den vorliegenden HTA-Bericht geht auf den Vorschlag eines Bürgers beim ThemenCheck Medizin des IQWiG zurück: Seit 2016 können alle Interessierten online ihre Fragen an die Wissenschaft stellen (www.themencheck-medizin.iqwig.de). Nach der Auswahl von bis zu fünf Themen pro Jahr werden die Antworten darauf in Form eines sogenannten HTA-Berichts gegeben: Darin wird nicht nur der medizinische Nutzen eines medizinischen Verfahrens bewertet, sondern auch seine wirtschaftlichen, ethischen, sozialen, rechtlichen und organisatorischen Auswirkungen.


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