Das Herbst-Symposium

Aktuelle und kontroverse Aspekte aus Medizin und Gesundheitspolitik sind regelmäßig Thema in Köln, wenn das IQWiG sein jährliches Herbst-Symposium veranstaltet. Das Spektrum der Referentinnen und Referenten ist meist so breit wie das der Themen: Epidemiologen und Onkologinnen, Gesundheitsökonomen und Juristinnen referieren und diskutieren über Medizinthemen.

Herbst-Symposium 2025: Evidenz in Not – Wie Wissenschaft Politik erreicht

Wie kann Wissenschaft die Politik erreichen? Das war die zentrale Frage des 20. IQWiG-Herbst-Symposiums. Rund 200 Gäste aus dem In- und Ausland diskutierten im smartvillage in Köln-Mülheim über mögliche Strategien – aus unterschiedlichen Perspektiven.

„Wie können wir mit etwas bewegen?“, fragte IQWiG-Leiter Thomas Kaiser in seiner Begrüßungsrede zum Auftakt des Symposiums. „Wie schaffen wir es, dass unsere Informationen gehört und wahrgenommen werden, unsere wissenschaftliche Arbeit also einen noch größeren Impact hat für die Menschen?“ Große Fragen, denen sich Referent*innen und Publikum aus verschiedenen Blickwinkeln näherten: Gäste aus Forschung und Gesundheitspolitik waren auf dem Symposium ebenso vertreten wie die Medien- und Patientenperspektive.

In einer ersten Keynote wies Helena Ludwig-Walz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) darauf hin, dass es zwar so viel Evidenz gibt „wie vielleicht nie zuvor“ – trotzdem aber eine Lücke klafft zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischen Entscheidungen, die daraus folgen. Denn gute Evidenz ist wertlos, wenn der „Anschluss“ nicht passt: Evidenz muss folglich gut kommuniziert werden – dabei kommt es nicht nur auf die richtigen Formate und Kanäle an, sondern auch auf eine klare und zielgruppengerechte Vermittlung der Inhalte. Fakten allein reichen dabei oft nicht aus, „entscheidend ist auch Vertrauen“. Martin Bujard, ebenfalls vom BiB, wies darauf hin, wie wichtig ein regelmäßiger Austausch ist zwischen Wissenschaft und Politik. Denn nur so kann ein gegenseitiges Verständnis entstehen für die Möglichkeiten und Grenzen der jeweils anderen Sphäre.

Impulsgeber aus dem Ausland: Paul Cairney von der University of Stirling, Schottland.
Martin Bujard und Helena Ludwig-Walz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB).
IQWiG-Leiter Thomas Kaiser (l.) im Gespräch mit Claudia Finis (DOIG, r.) und Josef Schepers.
Tina Vogel, BMG
Andreas Lehr (Observer Gesundheit)
IQWiG-Leiter Thomas Kaiser
Barbara Steffens (TK, ehemalige NRW-Gesundheitsministerin)
Blick ins Publikum
Dimitra Panteli vom Research Hub of the European Observatory on Health Systems and Policies
Boris Velter (ehemaliger Chef des Leitungsstabs BMG)
Tanja Kuchenmüller von der WHO in Genf war für ihren Vortrag digital zugeschaltet.
Michael Hennrich (Pharma Deutschland e. V.)
Eva Rehfuess von der LMU München
Thomas Kaiser im Gespräch mit dem Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje (l.).
Die stellevertretende Leiterin des IQWiG, Michaela Eikermann, hatte das Schlusswort des Symposiums.

Eindrücke aus dem Politikalltag: „Wie komme ich raus aus dem Grundrauschen?“

Konkrete Eindrücke aus dem Politikalltag lieferten der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich (jetzt Pharma Deutschland e. V.), die Ex-Gesundheitsministerin von NRW, Barbara Steffens (Grüne, jetzt TK) und Boris Velter (SPD, ehemaliger Leitungsstab BMG). Mit Blick auf einen von Zeitdruck und Informationsüberflutung geprägten Politikalltag lautet die zentrale Frage hier: „Wie komme ich raus aus dem Grundrauschen?“ Wissenschaft sollte stets den Diskurs anbieten, so die Empfehlung, auch wenn es nicht immer leicht ist, Gehör zu finden.

Klar wurde aber auch: Politische Entscheidungen können vielerlei Gründe haben, auch das Abwägen von Wähler*innen-Interessen spielt hier eine wichtige Rolle. Eine Erkenntnis des Symposiums deshalb: Auch die beste zielgruppenspezifische Kommunikation kann nicht die Abwägung unterschiedlicher Interessen obsolet machen. Folglich wird auch die beste Evidenz bei anderen Wertvorstellungen nicht zu einer entsprechenden Entscheidung führen.

„Herkulesaufgabe“ für die Wissenschaft

Über Tipps und Tricks, mit denen sich verhindern lässt, dass gute Evidenz komplett ins Leere läuft, berichtete Tanja Kuchenmüller von der Weltgesundheitsorganisation () in Genf, die für ihren Beitrag digital zugeschaltet war. Knackig und knapp sollten Botschaften sein, die Forschende an die Politik richten, präzise und passgenau zugeschnitten auf den jeweiligen Adressaten. Und auch auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an, um Informationen erfolgreich zu übermitteln.

Der zweite Impulsgeber aus dem Ausland war Paul Cairney, Politologe an der University of Stirling in Schottland. Cairney nannte den Wunsch der Wissenschaft, bei der Politik Gehör zu finden, gar eine „Herkulesaufgabe“ und plädierte für realistische Strategien: Logiken der Politik durchdringen, Botschaften zuspitzen und an bestehende Narrative anknüpfen, um so die Chance zu erhöhen, dass Evidenz tatsächlich Entscheidungen beeinflusst.

Eine stabile Vertrauensbasis ist entscheidend

Dimitra Panteli vom European Observatory on Health Systems and Policies machte klar: Nur wenn es gelingt, eine stabile und langfristige Vertrauensbasis zwischen Forschung und Politik zu schaffen, kann Wissensvermittlung erfolgreich gelingen. Der Politikberater Johannes Hillje lenkte den Blick vor allem auf die Medienlogik. So müssten Themen nicht nur Relevanz, sondern auch Salienz – also Auffälligkeit – aufweisen, um auf die politische Agenda zu gelangen.

Eva Rehfuess, Professorin für Public Health und Versorgungsforschung an der LMU München, rief dazu auf, die Politik frühzeitig und nicht – wie oft der Fall – erst am Ende in den Forschungsprozess einzubeziehen, um die Wissenstranslation zu fördern: „Entscheidungsträger schätzen es sehr, wenn sie zum Beispiel die Chance bekommen, Forschungsfragen mitzugestalten, die für sie relevant sind.“ Ihr Fazit: Wissenschaftliche Erkenntnisse werden oft genutzt, aber nicht unbedingt so, wie Forschende dies erwarten oder sich wünschen.

Große Herausforderungen also für die Wissenschaft, und doch kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, betonte Michaela Eikermann, stellvertretende IQWiG-Leiterin, zum Abschluss des Herbst-Symposiums: „Wir können optimistisch hier rausgehen, es gibt viele Möglichkeiten, sich einzubringen.“ Dabei komme aber auch darauf an, die eigene Erwartungserhaltung zu hinterfragen – und gegebenenfalls anzupassen. Entscheidend für Eikermann: „Die Wissenschaft sollte mehr Lösungsansätze aufzeigen, statt zu stark problemorientiert zu sein.“

Vorträge

Programm

offenes Onboarding mit Snacks und Getränken
Begrüßung im Plenum
Institutsleitung IQWiG - Moderatorin Julia Offe
Keynote: Empfehlungen zur Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik
Dr. Martin Bujard (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB))
Dr. Helena Ludwig-Walz (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB))
Dialog: Was braucht die Politik von der Wissenschaft?
Michael Hennrich (Pharma Deutschland e. V.)
Barbara Steffens (Techniker Krankenkasse, ehemalige NRW-Gesundheitsministerin)
Boris Velter (ehemaliger Leiter Leitungsstab BMG)
Mittagsimbiss
Impulse aus dem Ausland (digital):
Tanja Kuchenmüller (, Geneva) – Bridging the gap
Paul Cairney (University of Stirling, Scotland)Why might policymakers ignore your evidence? How can you respond?
FlashLights: Die wissenschaftliche Perspektive
Dr. Dimitra Panteli (Research Hub of the European Observatory on Health Systems and Policies)
Dr. Thomas Kaiser (IQWiG)
Dr. Eva Rehfuess (LMU München)
Dr. Johannes Hillje (Politik- und Kommunikationsberater, Think Tank Das Progressive Zentrum)
Kaffeepause und Umbau
Abschlussdiskussion:
Was kann Wissenschaft tun, um von der Politik gut und richtig gehört zu werden?
Johanna Sell (BMG)
Dr. Eva Rehfuess (LMU München)
Dr. Johannes Hillje (Politik- und Kommunikationsberater, Think Tank Das Progressive Zentrum)
Claudia Finis (gesundheitspolitische Beauftragte der DOIG)
Dr. Andreas Lehr (Observer Gesundheit)
Abschluss und Verabschiedung
Institutsleitung IQWiG - Moderatorin Julia Offe
Abendveranstaltung mit Buffet und Drinks

Zu den Beiträgen der bisherigen Herbst-Symposien des IQWiG

2024: Wissenschaftskommunikation mal anders
2023: Herausforderung Seltene Erkrankungen
2022: „Diagnostik: Warum genau nicht genug ist“
2021: „Kommerzialisierung im Gesundheitswesen – Zeit für Kosten-Nutzen-Bewertungen?“
2020: abgesagt
2019: Zwischen Skalpell und Algorithmus – evidenzbasiertes Operieren
2018: Saure Früchte vom Baum der Erkenntnis? Wie wir Evidenz kommunizieren
2017: Übertragung von Evidenz – Spiel ohne Grenzen?
2016: Mehr Licht als Schatten? Förderliche und hinderliche Faktoren für das Gelingen klinischer Studien
2015: Real World Data zur Nutzenbewertung: Welchen Beitrag könnten Register und Routinedaten liefern?
2014: Evidenzbasierte Versorgung: Wohin soll die Reise gehen? / Was kann das IQWiG zu den Herausforderungen beitragen und was kann es besser machen?
2013: Lebensqualität im Gesundheitswesen: Wissen wir, was wir tun?
2012: Krebs: Alles ganz anders? / Kann weniger mehr sein?
2011: Methodik zwischen Regeln und Willkür / Eigenverantwortung
2010: Nutzen-Schaden-Abwägung bei Systementscheidungen / Datentransparenz als Voraussetzung für eine informierte Nutzen-Schaden-Abwägung
2009: Glauben und Wissen in der Medizin / Leben und Geld im Gesundheitswesen
2008: Beurteilung des Nutzens und Schadens medizinischer Maßnahmen / Wissenschaft, Gesellschaft und das Individuum
2007: Wissen als Entscheidungsgrundlage für Patienten und Ärzte / Der finanzielle Wert von Krankheit und Gesundheit
2006: Hoffnungen und Fehler in der Medizin / Kosten, Qualität und Gerechtigkeit im Gesundheitswesen
2005: Diagnosis, Screening and Patient Oriented Research / Erkenntnis und Entscheidung in der Medizin